Besucherzähler

SPRUCH DES JAHRES

Die Regierungen, welche die Freiheit der Rede unterdrücken, weil die Wahrheiten, die sie verbreitet, ihnen lästig sind, machen es wie die Kinder, welche die Augen zuschließen, um nicht gesehen zu werden.

Ludwig Börne

SPRUCH DER WOCHE

Die Leute streiten, weil sie nicht gelernt haben zu argumentieren.

Gilbert Keith Chesterton

LUSTIGES

Quelle: Aus dem umgestülpten Papierkorb der Weltpresse (1977)

Paris - Einen strengen Verweis bekam der Oberschüler René Artigan, der als Antwort auf das Aufsatzthema"Wie haben Sie Ihre Ferien verbrfacht?" nur zwei Worte geschrieben hatte: "Danke, ausgezeichnet."

Die Lehmänner
Die Lehmänner

Brotterode im Wandel der Zeit

Der große Brand von Brotterode 1895

1895 war wohl das schlimmste Jahr für die Einwohner von Brotterode. Am 10. Juli wurde der Ort fast vollständig ein Opfer der Flammen.

Die beiden Söhne vom Schneider Peter, vier und fünf Jahre alt, hatte eine Forelle gefangen und wollten sie in der Scheune im Unterdorf braten. Sie machten sich ein Feuerchen und gegen 13:45 Uhr stand die Scheune lichterloh in Flammen. Die Feuersbrunst fraß sich, noch angefacht von stürmischen Südwestwinden, rasend schnell durch den Ort. Die Kirchturmuhr schlug noch zwei, bevor der Turm brennend zusammenbrach. Innerhalb von vier Stunden war der Ort, bis auf wenige Teile, dem Erdboden gleich gemacht. Gerettet werden konnte meist nur, was man am Leibe trug. Das Unterdorf selbst, die Höh, der Schützenhof und ein paar Häuser im Oberdorf blieben verschont. Zur "Freude" der Kinder blieb die Schule mitten im Ort, wie durch ein Wunder, unversehrt. Vier Frauen und ein Mann überlebten das Unglück nicht. Die gesamte Infrastruktur, angefangen bei der Post über Amtsgericht, Apotheke, Gasthöfe und Bürgermeisteramt bis hin zur Kirche, wurden zerstört. Das gesamte Vieh, wenn es nicht auf der Weide war, kam in den Flammen um. 1500 Menschen hatten kein Dach mehr über dem Kopf. Sie suchten Unterschlupf in den Nachbardörfern und kamen im schnell errichteten Barackendorf am Seimberg unter.

Schnelle Hilfe leisteten vor allem die Schmalkaldener, doch auch aus vielen anderen Ecken des Landes traf Hilfe ein. Von Wernshausen aus wurde eine Feldbahn bis Brotterode gelegt, die zehntausende Tonnen an Material für den Wiederaufbau transportierte, so dass der Ort in kurzer Zeit wieder in neuer Pracht erstrahlte. Eines der letzten Gebäude, die wiedererrichtet wurden, war die Kirche, die schon 5 Jahre nach dem Brand, im Jahre 1900, eingeweiht werden konnte.

Die Bewohner und Badegäste des idyllisch gelegenen Luftkurortes Friedrichroda im Thüringerwalde glaubten am Mittwoch, den 10. Juli, während der ersten Nachmittagsstunden eine Naturerscheinung zu sehen, wie ähnlich noch Niemand ehedem sie wahrgenommen hatte.

Obwohl vorher allenthalben Windstille geherrscht, hatte sich zwischen 12 – 1 Uhr Mittags ein pfeifender Sturm erhoben und in der Richtung nach dem bekannten Inselberge zu ballte sich eine schwarze Wolke zusammen, die von einem blutigen Roth beleuchtet war, und deren Ränder ein grelles, Feuersgluth ausstrahlendes Gezacke bildeten. Immer größer, immer dunkler wurde die Wolke, und die feurige Färbung ihres Saumes wurde immer rothglühender, so daß die Leute mit Bangen einem außergewöhnlichen Unwetter, vielleicht sogar einem verheerenden Wolkenbruche oder Hagelschlage entgegensahen.

Aber die „verheerende Wolke“ kam nicht näher, sie stand und stand, und ihre rothglühende Beleuchtung war nur der Abglanz eines furchtbaren Unglücks, daß unter ihr wüthete – wüthete in einem Uebermaße von „wahnsinniger Wuth“, die im wahren Sinne des Wortes „aller Beschreibung spottete“.

Dieser Ausdruck wird oft angewandt, wenn man Dinge schildert, deren Entsetzlichkeit nicht mit Worten auszudrücken ist; aber als ich hier, nachdem das gräßliche Element „Feuer“ ausgewüthet hatte, einige Frauen frug, wie es denn so eigentlich gekommen, wie es gewesen sei, da öffneten sich deren Augen weit, der Mund that sich mit einem tiefen Athemzuge auf, als ob er Dinge erzählen wolle aus einer unbegreiflichen Welt, die Hände erhoben sich, als wollten sie dem Munde helfen das Greuelbild durch die Geberde zu vervollständigen, die Mienen nahmen einen angsterfüllten Ausdruck an, die Lippen bebten, bewegten sich, wie nach Worten suchend, jede Fiber wurde lebendig, jeder Nerv schien grausame Dinge zu schildern – aber es fehlten eben die Worte. Wie arm ist doch die Sprache, die nicht ausdrücken kann, was die Seele bewegt! Die Lippen der Leute schlossen sich wieder, die erhobenen Arme fielen bleiern herab, die augenblicks vorher so lebendigen Züge des Gesichts erschlafften, dem Auge entströmten Thränenfluthen, matt sank der Körper gegen ein geschwärztes Stück armselige Ruine, heftiger Weinkrampf schüttelte die Glieder, und ein aus allen Tiefen des Gemüthes aufsteigendes Schluchzen war der einzige Laut, der die Schrecknisse vergangener Stunden schilderte. Dann, wie nach einem quälenden Traum, blickte Eines oder das Andere um sich, ließ die Blicke wie suchend über ein schwarzes, fast unübersehbares Trümmerfeld gleiten; dort die schreckliche Wahrheit findend, verband sich das Auge hinter den Händen, damit es nicht mehr sehe, was schon für den Fremden grausig zu sehen war, dessen Heim und Besitz ja hier nicht mit in grauschwarzen, qualmenden Haufen lagen.

Das war ungefähr die Antwort im Allgemeinen, und nur wenigen Personen, die vielleicht abgehärtet oder gar unempfindlich geworden durch die Schwere des Eindruckes, verdanke ich ein Bild über die Einzelheiten.

Ahnungslos beim Mittagsmahle saßen die Bewohner des ehemals hessischen Fleckens Brotterode, einer Ortschaft, die, aus ca. 44 Wohnhäusern bestehend, in einem prächtigen Thale des Thüringer Waldes, nahe dem Inselberg zwischen Friedrichroda und Schmalkalden sich hinzieht. Heiß, sehr heiß war die Witterung, und nach langem Regenmangel lechzte alles nach Erfrischung.

Aber, wer vermag es zu sagen – ob es der Himmel oder die Hölle war, die plötzlich, wie tausend Rachen öffnend, versengende Brandgluth statt erfrischenden Regen über den Ort speien ließ!

Eine Frau erzählte mir: Gegen ½ 1 Uhr kam mein Mann, ein Lehrer, aus der Schule heim; eben setzte er sich zu Tische, um den ersten Bissen zu nehmen, als plötzlich in einer Entfernung von etwa zwei bis drei Minuten Weges eine prasselnde Feuersäule aus dem Dache des Schneider Peter’schen Hauses emporfuhr und zahllose Funken nach allen Richtungen stäubte.

Nur seinen Suppenteller wollte der Mann schnell leerenund dann rettend zur Brandstelle eilen. Aber die Flamme wurde wie mit einem Zauberschlage zum Flammenmeere, das mit rasender Schnelle und mit Heulen, Prasseln und schauerlichem Pfeifen heranjagte. Und ehe der Mann wenige Löffel seiner Suppe stehend hineinschlang, saß der Vogel Phönix, das fabelhafte Symbol des Brandes, auf dem Dache des Lehrergrundstücks, und es schlug so heftig mit seinen versengenden Flügeln und fraß sich so unglaublich schnell durch das Gebälke und Gemäuer bis hinab in das Wohnzimmer, daß der Mann nur mit Mühe Weib und Kinder aus dem Hause und aus der Gluth retten konnte, die schon auf der Straße eine geradezu versengende war. Einige Kleidungsstücke, welche die Familie zur Noth weggerafft hatte, brannte ihnen auf den Armen, und um nicht selbst zu verbrennen, mußten sie die Sachen fallen lassen, um nur das Leben aus der Brandfluth zu retten.

Die buchstäbliche „Prasseldürre“ der Häuser und Zäune und Scheunen, und selbst der Bäume, die auf den Böden gelagerte Heuernte, der Umstand, daß die meisten Gebäude aus Fachwerk mit Schindeldachung bestanden, ferner, daß die Leute bereits Winterholz eingeheimst und dieses nach dortigem Brauche vor den Häusern aufgeschichtet haben, alles dies war wohl ein Hauptfactor der so undenkbar raschen Verbreitung des Feuers. Aber was hätte diese Trockenheit a l l e i n der Wuth und Gefräßigkeit des Feuers genützt, hätte sich dieses Element nicht mit einer sonst so friedlichen Himmelsschwester vereint – Der Luft! Und diese Vereinbarung glich einer pünktlichen Verabredung; denn in dem Augenblicke , da die erste Feuergarbe aus dem Unglückshause Peter’s gen Himmel fuhr, da gestaltete sich die ruhige Luftplötzlich zum Sturme, blies mit Riesenathem die Funken und Flammen über die Dächer hin und ließ die rothglühenden Feuergespenster einen gräßlichen Tanz aufführen über den Häuptern der beklagenswerten Menschen, die in ihrer Angstkaum wußten, wo hinaus, da das Feuer herumsprang und neue Nahrung mit seinen Krallen packte,an Stellen, wo man es nach menschlicher Berechnung noch gar nicht erwarten konnte.

Im Allgemeinen wollen die Leute noch gar nicht glauben, daß der Riesenbrand nur      e i n e n Herd haben sollte, denn trotz Dürre und Sturm muß die Flamme sich doch erst einfressen, wo sie zupackt, ehe sie weitergreifen kann; aber hier, so sagen die Bewohner, hier war es, als ob das Feuer, wie einst in Sodom und Gomorrha, vom Himmel herabregne, da Haus um Haus so schnell Feuer fing, daß kaum Zeit blieb, vor der einherjagenden Brandmasse zu fliehen; ja sogar über die Fliehenden hinweg sprangdie Feuerfurie und steckte entfernt stehende Gebäude an, gleichsam um der flüchtigen Einwohnerschaft die Wege abzuschneiden und sie zu umzingeln mit der heißhungrigen Höllengluth, die inmitten der Straßen herrschte.

Die Ortsfeuerwehr war ja in erdenklich kürzester Zeit an Ort und Stelle; aber wo denn anfangen mit fünf armseligen Wasserstrahlen angesichts eines Meeres von Feuer! Das waren Regentropfenin den Krater des Vesuvs!

Die noch unberührt gebliebenen Häuser etwa durch Bepsritzen vor der Gewalt der Flammen schützen? – Das war aus zwei Gründen nicht möglich, auch nicht möglich für den todesmutigen Mann, denn in den engen Gassen herrschte die Gluth eines Backofens, eine versengende Hitze, die jedes Wesen, das ihr hätte trotzen wollen, in wenigen Augenblicken zur Mumie hätte eindrocknen lassen. Und dann hatte die Brandgluth noch in anderer Weisegesorgt, sich das Wasser vom Leibe zu halten, nämlich, sie hatte den letzten magern Rest vom Naß, das die Sonnenhitze noch in dem Bache, der den Ort durchfließt, geschont, mit gierigen Zungen aufgeleckt, so daß nichts zum Löschen übrig blieb.

Mit so fabelhafter Gluth und mit so gewaltiger Schnelle warf sich der Brand seiner Erzfeindin, der Feuerwehr, entgegen, daß diese nicht einmal Teit gewann, die Spritze auf der Flucht mit sich zu nehmen.

Nur das Leben aus der Brathitze heraus! – Kaum waren die Männer der drohenden Gefahr entsprungen, da verbrannten schon die Spritzen, und Sturm und Feuer hielten eine Siegesmusik zu dieser Errungenschaft, die ohrenbetäubend und sinneverwirrend war.

Wie der Brand entstanden, darüber kursieren mancherlei Gerüchte, doch ist bis jetzt noch keines derselben bestätigt worden. Einmal sollen im Hause des Schneiders Peters Kinder mit Feuerzeug gespielt haben; wahrscheinlicher klingt schon, daß ein Lehrling beim Erwärmen des Bügeleisens leicht entzündbaren Stoffen zu nahe gekommen sei; dann soll eine hochbejahrte Frau in der Scheune gekocht haben; endlich wurde viel davon gesprochen: eine Greisin habe anläßlich eines Streites das Feuer in der Scheune angelegt, und als sie das daraus entstandene Unglück gesehen, habe sie sich im Dorfteiche ertränkt.

Letzteres wurde, als ich bald nach dem Brande in Brotterode eintraf, gänzlich widerlegt, denn weder hatte eine Frau sich ertränkt, noch war irgend ein Beweis dafür vorhanden, daß Absicht und böser Wille von irgend einer Seite das Unglück verschuldete.

Von den Bildern, die der mich von Friedrichroda aus begleitende Herr Hof-Photograph Thalacker zum Zwecke dieser Broschüre aufnahm, zeigt das erste einen Theil der verschont gebliebenen Wohnungen und den angrenzenden Beginn der Riesenbrandstätte. Von hier aus bis zum letzten Trümmerhaufen am entgegengesetzten Ende des Ortes geht man ca. ¼ Stunde lang. Die Breiteausdehnung jener Schreckenskatastrophe beträgt 6-7 Minuten.

Auf dieser Bodenstrecke standen noch am Mittag ca. 365 Wohnhäuser, Fabriken, Gasthöfe, Post, Gerichtsamt, Gemeindeamt, größere Handlungs-Gebäude und zahlreicheWerkstätten, Scheunen und Ställe, vor allem aber stand noch da eine massive Kirche mit besonderem Glockenthurm, und zwar auf einer ziemlichen Anhöhe, und unten, mitten im Orte, befand sich die noch ziemlich neue, große Schule der Gemeinde.

Ein h a l b ein Uhr schoß die erste Flamme aus dem Peter’schen Hause und u m ein Uhr stand der ganze Ort unter einem Meere von Feuer; das will heißen, einen Häuserkomplex, den zu umwandern ein Mensch ca. 25 Minuten braucht, hatte der Brand in 30 Minuten völlig in sein Bereich genommen und in einen Riesenscheiterhaufen verwandelt, in dem, soweit man jetzt festgestellt, zwei hochbejahrte Frauen verbrannten.

Mehrere vermißte Kinder fanden sich zum Glück wieder; zur Zeit meines Dortseins fehlte nur noch einsaber man hoffte, daß es irgend wohin geflohen und gleich den andern sich wiederfinden werde.

Allerdings ein Ehepaar wird noch vermißt, dessen Haus, wie all die andern, völlig dem Erdboden gleich ist. Es heißt zwar, diese zwei Leute hätten am Morgen des Unglückstages beabsichtigt, zu verreisen; allein es hat sie niemand fortgehen sehen, und bis jetzt ist von nirgends her irgend ein Lebenszeichen von ihnen eingetroffen. Es wird ernsthaft befürchtet, daß auch sie verkohlt unter den Trümmernihres fast massiven Hauses begraben liegen.

Das zweite Bild spricht mehr, als jede Erklärung es vermag! Die niedrigen Mauerreste ganz in der linken Ecke bedeuten den Ausbruchsort des Brandes. Es sind die Grundmauern des Peter’schen Hauses. Nach rechts hin ziehen sich die Ruinen der nächsten Nachbarhäuser, die zuerst dem gräßlichen Geschicke unterlagen.

Da sitzen sie auf den rauchenden Trümmern ihrer einstigen Wohnungen, die klagenden Frauen und Kinder in ihre heimathsübliche bunten Kattunmäntel gehüllt. Wie das Haus, gebrochen in Haufen elenden Schuttes, so sitzen sie da, gebrochen an Leib und Seele auf den alten lieben Fleck Erde. Das unbezwingliche Heimathgefühlzieht sie immer wieder hin zu der Stelle, da ihre Wiege gestanden hat. Müde, fröstelnd die Einen, bitterlich weinend die Andern, wie geistesabwesend, stumpf vor sich hinstarrend die übrigen, können sie sich noch immer des Gefühls nicht erwehren, daß sie hierher gehören.

Sie haben ja auch noch keine neue Heimath gefunden; Baracken sind noch nicht gebaut, und die ca. 60 noch stehengebliebenen Häuser fassen nur wenige der 2000 Obdachlosen. Und einen gewissen Reiz haben die baufälligen Trümmer noch immer: Nach der Sonnenwärme und Brandgluth ist Regenwetter eingetreten; das Thermometer zeigt nur sechs Grad Wärmeund ein bissig kalter Wind pfeift durch die leichten Mäntelchen. Da schützen denn die alten Mauerbruchstücke vor dem kalten Hauche, und die noch vielfach glimmende Asche, sogar hier und da noch nicht erloschene Gluthen verbreiten eine angenehme Wärme, um die sich die Abgebrannten kauern. Es ist, als ob das Feuer sein Unrecht wieder gut machen wolle durch diesen kleinen Liebesdienst.

Das dritte Bild zeigt die Überreste einer Fabrik; freilich nur die zwei vereinsamten Schornsteine und ein Haufen Räderwerkes legen davon Zeugnis ab, daß an dieser Stelle Leben und Gewerbefleiß herrschten. Einige Mann der Ortsfeuerwehr sind beschäftigt, die wankenden Mauerreste vollends zu stürzen, damit sie nicht, von selber fallend, noch mehr Unheil anrichten.

Die vierte Illustration zeigt uns ein Menschengrab; vor zwei Tagen war es noch ein zweistöckiges Haus, darinnen das 87 jährige Mütterchen Eva Schmidt ihre Tage im Frieden zu beschließen gedachte. Altersschwach war sie an das Zimmer gefesselt. Da stürzte wie ein Raubtier die Flamme auch auf dieses Dach. Das Haus stand in hellen Flammen, alles floh, des eigenen Lebens nur gedenkend. Da stürzte der Sohn herbei, der die Mutter nicht vergaß; durch Flammen und Rauch drang er bis zu ihr, hob sie auf die Schultern und trug sie – nicht weit. Noch innerhalb des Zimmers mochte Hitze und Rauch ihm halb die Besinnung rauben; er konnte es nicht hindern, daß ihm die schon brennende Alte von den Schultern glitt. Er taumelte ohne sie noch bis ins Freie, die Rettung war nicht gelungen, die Alte mußte lebendigen Leibes verbrennen.

Das Haus ist gestürzt wie alle, die Überreste der Alten können sich nur im Keller finden, denn weiter ist ja, außer dem Mauerstück dort links, nichts mehr vorhanden. Während meiner Anwesenheit gruben Männer unter der Leitung des Ortswachtmeisters und eines Beamten aus Schmalkalden nach den verkohlten Gebeinen.

Das letzte Bild zeigt das hohle Gemäuer der Kirche, den Rest des Glockenthurmes und die Sockel des Pfarrhauses. Wie die Flammen auf diese Anhöhe kamen, die, nebenbei bemerkt, noch gar nicht allzu dicht an den Wohnungen steht, das ist ein Räthsel. Da es aber doch geschah, so zeugt es von dem gewaltigen Flugfeuer. Auch während des Brandes unterhalb der Kirche glaubte Niemand daran, daß auch sie gefährdet sei. Wer noch etwas gerettet hatte, barg es eilend zwischen diesen festen Wänden. Aber das Element wollte nichts verschonen, es raste herauf und nach 1 Uhr schmolzen schon die Glocken vom Thurme herab. Ihr fließendes Metall vermengte sich mit dem Schutt. Die Thurmuhr hatte noch ½ 2 Uhr geschlagen, wenige Minuten nach 2 Uhr stürzte der Kirchthurm unter fürchterlichem Getöse zusammen. Die Metallkuppel mit der Wetterfahne war geborsten auf die Gräber des Kirchhofs gestürzt, der sich dicht an die Kirche schließt. Dort sah ich sie liegen, und an der Giebelmauer lagen die mächtigen Räder der Thurmuhr und das Ziffernblatt.

Innerhalb der Kirche ist nichts, auch gar nichts vorhanden, als ein geborstener großer Stein, das Fundament des Altars. Die nächststehenden Bäume und Gräber sind vollständig verdorrt. Der Pfarrer hatte nur nothdürftig Zeit, meinige Dokumente aus der Kirche zu retten. Alles Uebrige wurde ein Raub des Feuers.

Diese Kirchruine ist nahezu das Ende der Brandstätte; vielleicht noch acht bis zehn Häuser liegen hinter ihr, nach dem kleinen Inselberge zu, in Asche, dann zeigen noch einige stehen gebliebene Wohnungen, daß hier überhaupt einmal Menschen lebten.

Und geht man nun den jetzt vom Regen aufgeweichten Weg durch den Ort hin, dann zeigt sich weithin, so daß das Auge sein Ende nicht findet, ein schwarzes Aschefeld, unterbrochen von wenigem stehengebliebenen Gemäuer. Was unsere Bilder zeigen im Einzelnen, das zeigt diese Bodenstrecke im Gange: Alles nieder bis auf den Sockel. Aber, wie von einem Wunder erhalten, steht mitten in der Brandstatt, vom Feuer völlig unberührt, die Schule. Unser drittes Bild zeigt rechts einen Theil von diesem verschont gebliebene Gebäude.

Ich habe Brandverwüstungen gesehen im Kriege und späterhin, z. B. vor ca. 5 Jahren die abgebrannte Stadt Hünfeld; aber nichts gleicht entfernt nur den Trümmern von Brotterode. Man würde das Schuttfeld überhaupt nicht für die Ruine einer Stadt halten, wenn nicht noch einige Kamine, viele eiserne Oefen, Maschinentheile, Sprungfedern von Sophas und Matratzen und verschiedene eiserne Geldschränke, freilich in trauriger Verfassung, zwischen der Asche herumlägen.

Ich habe den Gold- und Silberinhalt eines „feuerfesten“ Geldschrankes gesehen. Beides war schwarz und mit einer Art Schmelz überlaufen. Die Prägung war auf den meisten Stücken völlig verbrand oder verschmolzen. Der Papierinhalt ist allermeist vernichtet; und es ist schlimm, daß die Schuldbücher der Geschäftsleute fast alle hinüber sind. Wie es heißt, sind auch die Bücher der Sparkasse, die sämtlichen Acten des Gerichtsamtes verkohlt. Der Wind hat die brennenden Dokumente wie Spreu nach allen vier Himmelsgegenden getragen.

 

Der Tod des zweiten Opfers dieses Brandes, der 79 jährigen Wwe. Lesser erfolgte in gräßlicher Weise: Schon brennend stieg sie aus dem Fenster ihrer Wohnung; in dem Augenblick schlug die feurige Lohe vom Dach herab und hüllte sie gänzlich ein. Sie wurde gefunden mit völlig durchgebrannten Rücken, so daß die Wirbelsäule bloß lag. Am Freitag ist sie beerdigt worden. Daß die Nachricht der Feuersbrust so spät zur Kenntnis der benachbarten Orte gelangte, lag daran, daß Post und Telegraph im Nu vernichtet waren. Die Telegraphenstangen und Drähte sind nach allen Richtungen hin völlig verschwunden. Jetzt hat die Post ihren Sitz unter einem Baume, geschützt durch ein Bretterdach, aufgeschlagen.

Sehr viel Vieh ist verbrannt, und das gerettete lief zuerst frei auf den Wiesen umher. Wagen konnten nur einige gerettet werden. Das Unglück ist unfaßbar groß, denn was die helfende Menschenliebe auch alles vermag, aber d a s zu ersetzen, woran alle Herzfasern der Verunglückten hingen, ist doch unmöglich. Zwar wird viel gethan werden, die völlig entblößten nach Kräften zu entschädigen, denn das zeigen schon die Wagen, die aus der Umgegend zunächst mit Proviant und Kleidern beladen zur Brandstätte fahren. Mögen das auch die Leser dieses Schriftchens zeigen, das nur dazu geschrieben ist, um durch getreue Schilderung der Tragödie an die Herzen der Menschheit zu klopfen, damit jedes nach bestem Können der Sammelstelle sein Scherflein zufließen lasse, auf das „neues Leben blühe aus den Ruinen“ des vom Unglück so schwer betroffenen Brotterode inmitten des lieblichen Thüringer Waldes.

Die Herrschaft Schmalkalden

in topographischer und statistischer Hinsicht als Fortsetzung der 4 Bändchen von Dr. Johann Reinhard Häfner, Pfarrer zu Barchfeld

von F. D. Ziller, Förster zu Oberschönau

1832

Das Amt Brotterode

Dieses Amt, gebildet im Jahr 1822 durch das vorherige Amt Brotterode, einem Dorfe des Oberamtes Schmalkalden und einem Theil der vorherigen Vogtei Herrenbreitungen, gränzt gegen Morgen an das herzoglich sachsen-coburg-gothaische Amt Reinhardsbrunn, gegen Mittag an das Landgericht Schmalkalden, gegen Abend eben dahin und an die herzoglich sachsen-meiningischen Aemter Frauenbreitungen und Altenstein; gegen Mitternacht aber an das sachsen-coburg-gothaische Amt Tenneberg.

Die Justizpflege wird durch einen, zu Brotterode im herrschaftlichen Amtshause wohnenden, Amtmann und durch einen Aktnar besorgt.

Brotterode und die kurhessische Seite von Schmalkalden, so wie Auwallenburg mit dem Wallenburger Hof, Herges-Vogtei, Elmenthal und Laudenbach bilden dieses Amt. Es enthält 676 Häuser und 3910 Seelen.

Die Unterthanen zu Brotterode und Kleinschmalkalden haben zwar keine dienstbaren Erben oder geschlossene Feldgüter und geben von ihren Aeckern, Waldwiesen und Hammerwerken nur ihren Gemeinden gewisse Bethen und Zinzen, welche, so wie auch die aus ihrem Gehölz gelößten Geldsummen, zum allgemeinen Besten verwendet werden; wogegen sie den dritten Theil aller herrschaftlichen Frohndienste die sogenannte drei Aemter Dienste, gleich dem ehemaligen Amte Schmalkalden leisten, ihre Prediger, Schullehrer und Gemeinde-Diener besolden, und alle Unkosten bei peinlichen Gerichtsfällen zu tragen haben. Aber doch geben sie auch in die Renterei Lagergeld, Gattergeld und noch einige andere Gesälle.

 

Brotterode

(Brottrode).(Brunnwarthsroda)

Ein Flecken in einer kesselartigen Endigung des Hauptthales am Fuße des Inselberges, Seimberges und des Gehäges, in einer sehr rauhen und gebirgigen mit Waldungen umgebenen Gegend.- Der am Inselberg entspringende und noch durch verschiedene Quellen verstärkte Inselbach fließt durch das Dorf. Im Dorf vereinigt er sich mit dem Bärenbache und dem Gelbbrunnenbach, unter demselben mit dem Beerbache und einigen kleinen Waldbächen und geht unter dem Namen Lauterbach weiter fort.- Vier Teiche bei dem Orte können wegen des kalten Klimas und der Fischdieberei nicht mit Nutzen besetzt werden. Die Fischerei ist bis zu dem Kümmelsteg im Lautenbach der Gemeinde.

342 Häuser und 2034 Einwohner zählt der Ort mit dem dabei befindlichen Mühlen und Eisengewerken. Die mehrsten Einwohner fertigen verschiedene Sorten von Eisenwaaren, andere treiben Handel damit ins Ausland, theils in größeren Partieen, theils einzeln; noch andere beschäftigen sich mit der gröberen Zubereitung der inländischen Tabakblätter, und wieder andere verhandeln sie im Auslande. Dieser Nahrungszweig steigt und fällt nach Verhältniß des größern oder geringern Absatzes der Waaren.

Von Professionisten wohnen hier 3 Hufschmiedte, 3 Zeugschmiedte, 1 Sporer, 1 Nagelschmiedt, 12 Messerschmidte, 60 Ringenschmidte, 2 Leinenweber, 1 Färber, 5 Schreiner, 1 Glaser, 5 Drechsler, 2 Nadler, 8 Schlosser, 4 Schneider, 5 Wagner, 2 Maurer, 4 Zimmerleute 2 Büttner und 5 Metzger. Dazu kommen noch, außer den Kaufleuten, 12 Bauern, welche den Feldbau besorgen.-

Die Feldmark ist 1471 Acker 9 ¾ Ruthen groß. 1040 2/3 Acker 6 ¼ Ruthen werden davon zu Artland und 430 1/3 Acker 3 ½ Ruthen zu Wieswachs benutzt. 27 Acker 6 ½ Ruthen sind Wüstung und 209 ¾ Acker 6 ¾ Ruthen Tristen und Viehhallen. Die hohen Gebirge mit ihren Waldungen, der häufige Nebel, Regen und die strenge Kälte vermindern die Fruchtbarkeit sehr. Wintergetraide kann hier gar nicht gebaut werden und das Sommergetraide wird entweder öfter vom Wilde beschädigt, oder vervielfältigt sich, wenn es vor dem Nebel bewahrt bleibt, doch nur bis zum 3tem und in sehr fruchtbaren Jahren bis zum 7ten Korn. Eben so verhält es sich mit Kartoffeln, welche gleichwohl unter allen Fruchtarten, so wie gelbe Rüben, am häufigsten gezogen werden. Klee und Flachs gedeihen dagegen vorzüglich gut und zwar der letztere weit besser als in dem sonst fruchtbaren Werragrunde. Die Ursache davon mag wohl in den öfteren Regen und in dem Boden dieser Berggegend zu suchen seyen. So wie das Verwintern des Ersteren durch die im Herbst einfallende und gewöhnlich liegenbleibende Decke des Schnees verhindert zu werden scheint. Nur Frühobst wird reif und schmackhaft.

Die Viehzucht bringt, da das Vieh den Tag über in Wäldern und auf Bergen herumgetrieben wird, wo der große Nutzen verloren geht, lange nicht den Gewinn, den sie bringen sollte und könnte.- Der Einführung der Stallfütterung stehen hier große Hindernisse entgegen, denn der ganze Wiesenwachs besteht aus 3/8 einschürigen, 3/6 zweischürigen und aus 1/6 dreischürigen Wiesen, welche, wenn sie einigermaßen ergiebig seyn sollen, gedüngt werden müssen.

Die Gemeindsgüter betragen 53 11/16 Acker 7 ¼ Ruthen und die Gemeindswaldungen 6829 Acker 11 1/3 Ruthen. Die Waldungen sind mit denen der Gemeinde Kleinschmalkalden einem gebendem Förster, welcher von der Landesherrschaft besoldet wird, zur Administration übergeben. Jede dieser beiden Gemeinden hält noch einen Forstlaufer zur Beschützung ihrer Waldung.

Der bekannte Inselberg, auf dessen Gipfel die kurhessiche Gränze verläuft, ist der höchste Punkt dieses Forstes nach diesem, dessen Nachbar, der Trockenberg. Ein Gebirgskamm, im Speziellen hier der Rennstieg genannt, vom Inselberg nach Südwesten auslaufend bildet südliche und östliche Bergwände am rechten Ufer des Lauterbachs. Der andere Abfall von derselben Höhe des thüringer Gebirges links des Insel- und Lautenbachs und rechts der Schmalkalde hat nordwestliche und westliche, bei letzterem Bach südöstliche und südliche Abhänge. Der Seimberg erhebt sich hier als kollosaler länglicher Bergkopf.

Das älteste Haus von Brotterode

Bunt gemischt ohne Jahreszahlen

1900-1910

1911-1920

1921-1930

1931-1940

1941-1950

1951-1960

1961-1970

1971-1985

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Thomas Lehmann

Diese Homepage wurde mit IONOS MyWebsite erstellt.